Drei Gründe, weshalb wir uns so schwer tun, Schulen kindgerecht zu gestalten

Aktualisiert: März 10

Seit Jahrzehnten ist ausreichend Wissen vorhanden, wie Lernen nachhaltig funktioniert, was Kinder und Jugendliche brauchen, um sich gut zu entwickeln oder welche neurobiologischen Gesetzmässigkeiten beachtet werden müssen, damit hirngerecht gelernt werden kann. Wenn davon wenig umgesetzt wird, haben wir also keine Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem.


  • Kinder weisen laut Prof. Dr. Remo Largo zu Beginn ihrer Schulzeit #Entwicklungsunterschiede von bis zu vier Jahren, beim Schulaustritt bis zu sechs Jahre auf - dies notabene ohne Inklusion. Trotzdem gibt es an unseren Schulen auch 150 Jahre nach Einführung des obligatorischen #Jahrgangsklassensystems gleiche #Lehrpläne für alle jahrgangsgleichen Kinder und Jugendlichen.

  • Das Hirn ist in erster Linie ein Filter-, nicht ein Speicherorgan. Es filtert das weg, was für den Betreffenden nicht bedeutsam ist. Sollen Lernprozesse effektiv sein, müssen sie deshalb vom Lernenden mit positiven Emotionen verknüpft werden, also bedeutsam und lustvoll erlebt werden. Trotzdem verlieren an Schulen die meisten Kinder schon nach wenigen Jahren die #Freude am Lernen.

  • Nebst den individuellen Voraussetzungen, das jedes einzelne Kind mit in die Schule bringt, ist die #Beziehungsqualität zwischen Lehrperson und Schüler eine der massgebendsten Faktoren für #Bildungserfolg. Trotzdem bestehen an den meisten Schulen #Disziplinierungssysteme mit Einträgen und Strichlisten, welche zu Distanz und Misstrauen zwischen Lernenden und Lehrenden führen, was zur Folge hat, dass unter Angst, Stress und Druck die Hirnaktivitäten vom Frontalhirn mit seiner Fähigkeit für komplexes Denken in den Hirnstamm verlagert werden, das nur zu den drei simplen Mustern Angriff, Flucht und Erstarrung fähig ist.

  • Kinder lernen am besten durch eigenes und gemeinsames Tun, soziales Interagieren, Nachahmen und Ausprobieren, aufgrund eigener und gemeinsamer Interessen und entsprechend ihrer #Reifeentwicklung. Trotzdem ist mit Eintritt in die Schule in aller Regel fertig lustig: Arbeit ersetzt #Spiel, Fremdaufträge ersetzen das Folgen eigener Ideen und Impulse.


Niemand wird bestreiten, dass Kinder das lernen sollen, wozu sie reif sind, dass die Beziehungsqualität von Vertrauen und Wohlwollen geprägt sein soll und dass Lernprozesse freudvoll und effektiv sein sollen.

Was sind denn dann die Gründe, dass die Realität an den meisten Schulen nach wie vor anders aussieht?


1. Unterschiedliche Ideologien

An einer Schule gibt es schätzungsweise 40% Lehrpersonen einer Gruppe A, die für die Gefühle ihrer Schülerinnen und Schüler resonanzfähig sind, darunter leiden, dass die meisten von ihnen spätestens ab der 2. Klasse beginnen die Lernfreude zu verlieren, verzweifelt darüber sind, dass ihre Schützlinge mit zunehmendem Alter nicht mehr aus Interesse an einer Sache, sondern nur noch für eine #Note oder ein gutes #Zeugnis lernen und die sich so sehr wünschen, eine freudvollere, kindgerechtere, lebendigere Schule gestalten zu können. Vielleicht 5% – 10 % dieser Lehrpersonen verabschieden sich nach nur wenigen Jahren im Schuldienst in ganz andere Berufszweige oder wechseln an #Privatschulen, schlicht weil der Schmerz für sie zu gross ist Teil davon zu sein, den Kindern ihre Lebendigkeit auszutreiben.


Schätzungsweise 30 % der Lehrpersonen an öffentlichen Schulen einer Gruppe B praktizieren traditionell Schule, im Sinne, dass sie obligatorischen Schulstoff verabreichen und pflichtbewusst Vorgaben umsetzen, die zwar vorgeben Lernziele zu erreichen, jedoch den Schülerinnen und Schülern in erster Linie die #Gestaltungslust und #Neugierde austreibt und sie, wenn es gut geht, zu verhaltensauffälligen (damit uns etwas auffällt) und unangenehmen Störefrieden, wenn es schlecht geht zu gehorsamen Pflichterfüllern macht. Lehrpersonen der Gruppe B spüren, dass das so nicht wirklich gut und richtig ist, dass sie den Menschen in ihren Schülern verlieren und dadurch selber unmenschlich werden. Sie haben aber auch nicht den Mut oder die Gabe, es anders zu versuchen oder Angst es nicht zu können oder aber sie fürchten, dass das Chaos ausbrechen würde, wenn sie ihren Schülerinnen und Schülern mehr Eigenheit und Gestaltungsraum geben würden. Sie sind im Dilemma zwischen dem, was von ihnen erwartet wird und dem, was für die Lebendigkeit und #Lernfreude der Kinder und Jugendlichen zuträglich wäre.


Dann gibt es schätzungsweise 30 % Lehrpersonen der Gruppe C, die nie hätten Lehrpersonen werden dürfen, weil ihnen die Lebendigkeit und die Liebesfähigkeit zum jungen Menschen, der ihnen anvertraut wurde, fehlt. Keiner von ihnen würde dem zustimmen, ganz einfach, weil sie bedauernswerterweise das Sensorium dafür verloren haben die #Lebensfreude und Lebendigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler wahrnehmen zu können. Ihnen fehlt die Leichtigkeit des Moments, der #Humor und der Sinn für das Leben, das tiefe Wissen, dass #Lebendigkeit nicht plan- und kontrollierbar ist und die Dehmut, dass da menschliche Wesen vor ihnen sind, die sie weder zu beherrschen, zu manipulieren, zu bestrafen oder für Dingen zu nötigen haben, zu denen diese kein Einverständnis gegeben haben. Sie sind zu Funktionären von Lehrplänen, Lernzielen, Prüfungen und Selektionsvorgaben geworden, zu Ausführenden äusserer Erwartungen ohne Zugang zu menschlicher Empfindsamkeit. Ihre zwanghafte Absicht ist es, aus lebendigen Kindern genauso funktionierende Maschinen zu machen, wie sie es sind.


Seit der Gründung der Volksschule vor mehr als hundertfünfzig Jahren beherrschen die Gruppen B und C, wie Schule umgesetzt wird. Ebenso lange kämpft Gruppe A um Anerkennung und zeigt mit Inbrunst auf, wie es denn anders gehen könnte. Seit nunmehr sicher zwei Jahrzehnten kommen Unsummen von Methodensammlungen, Filmen, Bestpractice-Beispielen, Initiativen, Gruppierungen, Schulpreisgewinner-Schulen zusammen, mit denen Gruppe B und C überzeugt werden soll, dass und wie es kindgerechter und menschlicher gehen könnte.


Was wir sicher festhalten können ist, dass es nicht noch mehr von all dem braucht, was aufzeigt, dass es anders gehen könnte. Gruppe C will das nicht hören, versteht es nicht – ja tut es als der Leistungssicherung des öffentlichen Schulwesens abträglich ab. Mehr Werbung für Andersmachen bringt also nicht mehr Verständnis bei denjenigen, die nicht verstehen können und wollen!

Wenn also Schule in Richtung einer menschlicheren, kindgerechteren Schule entwickelt werden soll, gibt es aus meiner Sicht fünf Ansätze, die wirksam sein könnten:

  • Gruppe A muss gestärkt werden. Ihnen muss gezeigt werden, dass ihr Fühlen und ihre Intention einer lebensbejahenden und lernfreudigen kindlichen Entwicklung zuträglich ist. Lehrpersonen, #Eltern und #Schulleiter dieser Gesinnung müssen miteinander vernetzt werden, damit sie wissen, dass es noch andere Menschen im öffentlichen Schulsystem gibt, die gleich wie sie empfinden und es sich darum lohnt, weiter für eine menschlichere Schule dort zu bleiben. Den 5 bis 10% Lehrpersonen, die liebäugeln an Privatschulen zu wechseln, sollte klar gemacht werden, dass sie dort nur für 6% alle Kinder etwas tun können, an öffentlichen Schulen jedoch für 94%. Denen, die trotzdem gehen, sei mein aufrichtiges Verständnis zugesichert.

  • Gruppe B muss unterstützt werden ihrem Empfinden für eine kindgerechtere Schule immer mehr zu vertrauen und ihm Raum zu geben. Sie benötigen besonders viel Zuspruch, um mutig sich auf die Seite der #Menschlichkeit zu stellen und etwas zu wagen. Sie sind das Zünglein an der Waage, das darüber entscheiden kann, wer in einem Schulteam die Mehrheit bildet. Zusammen machen die Lehrpersonen der Gruppen B und C derzeit rund 60% aller Mitarbeitenden einer Schule aus. Das ist aktuell wohl die bestimmende Standardzusammensetzung an Schulen, weshalb sich relativ wenig in Richtung einer potenzialentfaltenden Schule bewegt. Würde sich bei den Lehrpersonen der Gruppe B mehr und mehr der Mut für die Umsetzung einer kindgerechten Schule entwickeln, gäbe es auf einmal eine Mehrheit von 60 - 70% aller Personen an einer Schule. Wirkungsvolle Schulentwicklungsbestrebungen und Neuanstellungen sollten darum auf die Verschiebung dieses Verhältnisses abzielen.

  • Gruppe C sollte aufgezeigt werden, welchen Schaden ihr Tun Kindern und Jugendlichen zufügt, in dem es deren Freude am Lernen und Gestalten und ihre Eigenheit zerstört. Sollte, weil das Aufzeigen in der Regel nicht viel bringt, weil jegliches Andersdenken und -fühlen an ihnen abprallt und bedrohlich ist, manchmal sogar blinde Aggression hervorruft. Es müsste deshalb die Aufgabe von Vorgesetzten sein, wirklich schädliche Lehrpersonen aus dem Verkehr zu ziehen oder es müssten Eltern unterstützt werden, die nicht länger zulassen, dass ihren Kindern die Lebendigkeit und Lebensfreude gestohlen wird.

  • Lehrpersonen aller Stufen arbeiten - nach eigener Aussage – so, wie sie es tun, weil es die darauf folgende Stufe erfordert: Im #Kindergarten müssen die Kinder lernen stillzusitzen, weil das in der Schule dann gefordert sei. In der Unterstufe muss man den Kindern beibringen auch konzentriert an weniger lustvollen Dingen zu arbeiten, weil es das auf der Mittelstufe brauche. Dort setzt der Leistungsdruck noch einmal zu, weil auf der Sek I-Stufe selektioniert wird und nur die Besten es in die obersten Leistungsgruppen schaffen werden. Auf der Sek I-Stufe dann wird eine Unmenge - für die Betreffenden oft uninteressantes - Wissen in die Köpfe gepaukt, weil dies zu Qualifikationen führen soll, welche dann für eine #Berufsausbildung gebraucht würden – so hört man. Jede Stufe begründet ihre, dem Lernen und Leben abträglichen Methoden, durch die Abnehmerstufen. Der vierte Ansatz ist deshalb rückwärts von oben nach unten gedacht. Mit einem alternativen Berufsbildungsweg, bei dem die #Entdeckerfreude, Neugierde und #Gestaltungslust im Zentrum der Beruf(ung)sfindung steht, könnte ein Zeichen von oben nach unten an die obligatorische Schule gesandt werden, dass es etwas anderes braucht, als bisher geliefert wird.

  • Schule kann ganz neu gedacht oder ganz abgeschafft werden. Das ist der Weg der #Unschooler, der #Homeschooler, der #Privatschulen und anderen Ansätzen, die womöglich erst noch entstehen werden. Diese werden jedoch heute den 94% Kindern und Jugendlichen wenig helfen, die derzeit die öffentlichen Schulen besuchen. Vielleicht sind sie Wegbereiter für eine Bildung, die noch gar nie so dagewesen ist. Nachdenklich stimmt mich, wenn ich weiss, dass es seit 300 Jahren schon die Gruppe A gibt, welche Schule kindgerechter gestalten möchte und Gruppe C, die zusammen mit Gruppe B alles beim Alten hält.


Würden sich an einer Schule die Lehrpersonen für die Umsetzung einer potenzialen Bildung einigen können, würde eine weitere Herausforderung anstehen. Die Verteilung der drei unterschiedlichen Ideologien gibt es nämlich auch unter der Elternschaft. Diese müsste sich ebenfalls für einen Weg hin zu einer potenzialentfaltenden Bildung entscheiden. Ein gangbarer Weg hierfür wäre, dass an einer Schule nur ein Parallel-Klassenzug einen Veränderungsprozess in Gang setzt und nur diejenigen Lehrpersonen und Eltern, die einen solchen Weg befürworten, daran teilnehmen und alle anderen nicht dazu gezwungen würden.


2. Das Festhalten an Gewohnheiten

Menschen sind Gewohnheitstiere und #Veränderung braucht Kraft. Eine Veränderung muss deshalb notwendig sein. Wie es das Wort beschreibt, wird eine «Wende» wohl nur aus «Not» möglich sein. Dieser Wende scheinen wir uns immer mehr anzunähern. Das #Jahrgangsklassensystem ist derart am Anschlag, dass Horden von #Heilpädagogen, Klassenassistenten, Therapeuten, Senioren im Klassenzimmer noch mit einem letzten Aufbäumen versuchen das alte System aufrecht zu erhalten. In Kürze wird auch das nicht mehr funktionieren, nämlich dann, wenn die Schulverantwortlichen und die Lehrpersonen in den Klassenzimmer merken, dass noch mehr vom Gleichen, das Problem nicht lösen kann. Was, wenn gute, begabte und engagierte Lehrpersonen ihrem Beruf den Rücken zuwenden? Wen stellt man dann noch in die Schulzimmer? Und werden diese Leute es besser können?


3. Das Fehlen von Mut und Vorbildern

Veränderungen brauchen nicht nur Kraft, sondern auch Mut. Gerade, wenn man etwas ändern will, exponiert man sich und stösst womöglich auf Widerstand und Unverständnis. Auch besteht keine Garantie auf Erfolg. Wie will man wissen, dass das, was man ausprobiert, erfolgreich sein wird? Womöglich täuscht man sich und wird an den Pranger gestellt. Doch genau das sind Qualitäten, welche es in unserer Zeit braucht.

Lehrpersonen sollten die Vorbilder sein, welche ihren Schülern zeigen, was es bedeutet, mutig etwas zu wagen, wie es sich anfühlt, wenn etwas gelingt und wie man damit umgeht, wenn man scheitert. Das wäre eine gelebte neue #Fehlerkultur.

Vorbildschulen für potenzialentfaltende Bildung gibt es vor allem im Privatschulbereich. Doch sind derartige Konzepte im öffentlichen System umsetzbar? Wie können öffentliche Schulen vorgehen, damit ein Prozess in Gang kommen kann, der für die Umsetzung hin zu einer potenzialentfaltenden Schule erfolgsvorsprechend ist?


Die Initiative Schulen der Zukunft unterstützt und begleitet entwicklungsbereite öffentliche Schulen, die sich auf den Weg in Richtung einer potenzialentfaltenden Schule machen wollen mit einem grossen Know-how, einem breiten Rücken, wenn auch einmal etwas nicht gelingt und Aufmunterung es immer wieder neu zu versuchen. Interessierte Schulen melden sich gerne per E-Mail.


#potenzialentfaltung #ideologien #mut

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Daniel Hunziker

Chürzi

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