Alternative Beurteilungssysteme


Fünf Lehrpersonen haben sich getroffen, sich über ihre Beurteilungsmethoden ausgetauscht und darüber nachgedacht, wie der Druck auf die Schüler vermindert werden könnte.

Schule soll Freude machen und spannend sein, für alle!

Lehrer H hat alle Protokolle geschrieben. Er hat Einblick in viele Schulen und steht vor dem Ende seiner Lehrer-Karriere. Er bilanziert diese wie folgt: 

Ressourcen vermehren sich, wenn Freude auf allen Ebenen im und am Tun Platz hat.

Das Gegenbild: Festgefahrene Muster fressen Ressourcen.

Haltungen sind Oel und Harz zugleich; „Schul-Arbeiter“ sind allzu oft bei den Harzigen zu finden, da möchte H jeweils am liebsten den ganzen Lehrkörper durchschütteln!

Die Räume für Freude sind gross, kollidieren aber oft mit dem Druck, den die Eltern und der Lehrplan erzeugen.

Hier die Balance zu finden gehört zum spannendsten Teil des Lehrerberufes.

Noten-Beurteilungen und Bewertungen wirken traditionell als kräftige Motivatoren, aber sie erzeugen auch viele unnötige Ängste, welche H mithilfe sorgfältig angepasster Tests zu minimieren versucht. Verbesserungs-Potential sieht er in den neuen Technologien mit entsprechenden Apps.

Partizipation:  H fördert die Motivation vor allem durch Einbezug der Schüler in die Unterrichtsgestaltung.

So wird der Unterricht spannend. Die entstehende Kreativität motiviert, wirkt ansteckend und führt zu immer neuen Ideen.

Entspannung: Erfahrunghilft, in Krisen-Situationen gelassener zu bleiben und potentielle

Energiefresser früh zu erkennen. H ruft allen jüngeren Lehrpersonen zu: Bleibt im Lehrerberuf!

Alle Beteiligten teilen die Ansichten und Forderungen von Lehrer H. 

Das Problem: Die allermeisten Lehrpersonen bemühen sich bereits seit Jahrzehnten Tag für Tag unglaublich engagiert darum, die Ziele zu erreichen, die H schildert. Wie zahlreiche Evaluationen immer wieder aufs Neue ergeben, reicht das nicht aus, um die gravierenden Defizite im Schulwesen aufzuheben. Wie Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen, erreichen bis zu 20 Prozent der Schüler die Mindestlehrziele in Deutsch und Mathematik nicht…                                                                                                                                                     Der gute Charakter einer Lehrperson, ihr Engagement und eine gute Atmosphäre im Schulzimmer können offensichtlich zu wenig effiziente Verbesserungen erwirken. Deshalb versuchen wir die Ursachen der Probleme bei den systemischen Bedingungen des schulischen Lernens zu finden.

Unsere Vorschläge:

1.     Verzicht auf Noten

Lehrerin T wurde zu Beginn ihrer Tätigkeit als Junglehrerin eine sechste Klasse zugeteilt. Sie wurde von einer Mathe-Dozentin der Uni Zürich inspiriert, die schulischen Leistungen ihrer Sechstklässler am linken Zürichseeufer anders als mit Noten zu bewerten. Gleich von Anfang an hat sie die Arbeiten und Tests statt mit Noten mit Worten bewertet: ungenügend, genügend, gut und sehr gut. Zusätzlich illustrierte sie diese Bewertungen mit dem Bild eines Apfelbaumes, mit unterschiedlich reifen Äpfeln: rot=sehr gut, bis grün=ungenügend. Bei Standortbestimmungen symbolisieren die Äpfel unterschiedliche Fächer. So wird auf einen Blick klar, wo noch «Reifungspotenzial» vorhanden ist. Die Kinder, die Lehrerin und die Eltern füllen je ein Blatt mit Äpfeln aus. Diese werden dann im Gespräch miteinander verglichen. 

Parallel führt T die klassische Notengebung für sich mit. So sind die Beurteilungen für Zeugnisse und Übertrittsgespräche jederzeit verfügbar.

T legt den Fokus auf das Potential der Kinder und zeigt Entwicklungsmöglichkeiten. Damit erreicht sie eine positive Grundhaltung der Eltern. Diese ziehen erfreulicherweise mit.

2.     Vergleiche zwischen den Lernenden vermeiden

Schulleiterin C beschäftigt sich intensiv mit der Suche nach Möglichkeiten, wie Lehrpersonen in den beiden selektionsrelevanten Fächern Deutsch und Mathematik objektive Rückmeldungen über schulische Leistungen geben und gleichzeitig die unselige Vergleicherei in den Schulklassen eindämmen können.

In den meisten Schulzimmern herrscht zu viel pädagogisch abträglicher Wettbewerb. Dieser setzt besonders Schwächere zu sehr unter Druck. Zudem werden die Leistungen der schulisch starken Schülerinnen und Schüler gebremst. Es gibt zu viel Über- und Unterforderung an den öffentlichen Schulen. C propagiert einen Unterricht, welcher sich an der Montessori-Pädagogik orientiert: Die Schüler lernenim eigenen Tempo mit Lehrmitteln, die möglichstviel Selbstkontrollenzulassen. Sie bestimmen selbst, wann sie zu welchem Lernziel einen Test schreiben wollen. Das Wichtigste für den Schüler ist, zu wissen, ob er den Test bestanden hat oder nicht. Weil alle Schüler an verschiedenen Lernzielenarbeiten, spielt es keine so grosse Rolle, ob die Rückmeldungen mit oder ohne Noten erfolgen. 

Nachdem die Lernenden einen Themenblock erarbeitet haben, wählen sie den nächsten. Mit dieser Vorgehensweise werden die Lehrpersonen entlastet. Es gibt sehr viele Schüler, die selbständig arbeiten könnten. Wenn ihnen die Möglichkeit dazu in den ersten Schuljahren nicht gewährt wird, können sie dies jedoch verlernen!

3.     Prozentpunkte statt Noten

Lehrer R hat seit dem letzten Treffen schon einiges an alternativen Beurteilungen in seiner Klasse umgesetzt: So bewertet er Tests und andere Leistungen mit Prozentpunkten statt mit Noten. Die Schüler arbeiten in vielen Bereichen im eigenen Tempo. R gibt den Lernenden Erklärungen und Themen-Einführungen, je nach Bedarf auch mehrmals.

In den Elterngesprächen legt er den Fokus auf die Stärken und Entfaltungsmöglichkeiten der Kinder. 

R macht sich auch Gedanken zum Thema: Was machen die schnelleren Kinder Spannendes und Sinnvolles bis zu den Ferien oder bis das nächsten Thema eingeführt wird, ohne dass die anderen Kinder sich davon ablenken lassen?

 

Wir haben auch über dies nachgedacht:

Wie kann man schnelle und schulisch schwache Schüler gleichzeitig fördern?

Schulleiter M beschäftigt das Thema „Schüleraktivität“: Wie schaffen wir es, im Unterricht die Motivation bei den Kindern hoch zu halten und für die Lehrpersonen gleichzeitig mehr Freiraum für spezielle Förderung zu generieren? Als Bild für den klassischen Unterricht nennt er eine Sanduhr, wo der Schulstoff, von der Lehrperson aufbereitet, quasi als „Sand“ an den Schülerinnen und Schülern «vorbeirieselt», ohne dass diese sich tiefer mit ihm beschäftigen.

An seiner Schule möchte er als Schulleiter «Unterricht in Zeiträumen» verwirklichen: Die Schüler erarbeiten ein Thema und zeigen ihre neue Kompetenz wahlweise in Form von Tests oder anhand von kreativen Arbeiten zum Thema, etwa in Form eines Vortrags.

 

Standortbestimmungen:

M plädiert dafür, bei den Standortbestimmungen und  bei der Elternarbeit viel in den Aufbau von Vertrauen zu investieren, Transparenz zu schaffen und keine Energie in Machtkämpfen zu verlieren, nach dem Motto: Mit den Eltern arbeiten statt gegen sie. So gibt es weniger Anlass auf Elternseite, Druck auf die Schule und die Lehrpersonen auszuüben.

M möchte auch die Transparenz nach aussenfördern. Alle an seiner Schule Interessierten sollen sehen können, wie alternativer Unterricht aussehen kann.


Bewertungen finden an Schulen mit Noten und Zeugnissen statt. Diese generieren sich aus Prüfungen, die zumeist in einem Richtig- und Falschschema aufgesetzt werden, damit eine genaue Fehlerzahl und damit eine exakte Note ermittelt werden kann. 

 

Weitgehend unberücksichtigt werden dabei eigenständiges Denken, das Entwickeln kreativer Ideen, das Anwenden von Wissen in komplexen Situationen und das konstruktive Zusammenarbeiten mit anderen, weil all dies nicht in einem Richtig-Falsch-Schema überprüft werden kann. Dabei sind es aber genau diese Dinge, welche lebenstüchtig, tatkräftig und handlungsfähig machen.

 

Lernen verkommt an den meisten Schulen wegen dem hohen Stellenwert der exakt messbaren Leistungen auf die kurzzeitige Überprüfung der Merkfähigkeit des Gehirns. Schülerinnen und Schüler lernen zuweilen nur noch für gute Noten und nicht mehr, weil sie sich für interessante Lerninhalte begeistern.

 

In diesem Netzwerk geht es deshalb um Folgendes:

  • Was gibt die Gesetzgebung in einzelnen Kantonen / Bundesländern bezüglich Bewertung vor und was ergeben sich daraus an ungenutztem Spielraum für eine bessere Bewertungspraxis in eine potenzialentfaltende Richtung?
  • Welche alternativen, besser geeigneten Bewertungssysteme gibt es?
  • Wie könnte eine potenzialentfaltende Beurteilungspraxis aussehen - innerhalb der heutigen Gesetzgebung aber auch ausserhalb?
  • Wie können die Ergebnisse der Interessengruppe wirksam öffentlich gemacht werden, so das eine Veränderung in Richtig einer potenzialentfaltenden Beurteilungspraxis erzielt werden kann?

 

Kodex:

Für das Mitwirken in den Netzwerken liegt ein Kodex für die Teilnahme zu Grunde.

Mit der Anmeldung wird bestätigt,  den Kodex gelesen zu haben und ihn zu akzeptieren.

 

Ja, dieses Thema interessiert mich brennend!

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.