Lernziele sind die heiligsten Kühe des Bildungswesens - und hindern Kinder am Lernen

Kinder lernen bis zur Einschulung aus eigener Motivation, mit Freude und Engagement eine Sprache, soziale Verhaltensweisen, motorische Fähigkeiten, wie sich anziehen, Fahrradfahren, essen, etc. Mit Schuleintritt soll es auf einmal Lernziele brauchen damit Kindern lernen?


In ihren ersten Lebensjahren leben Kinder im Jetzt - im gegenwärtigen Moment. Es ist ihr naturell fühlend in Verbindung mit ihrem Körper zu sein, sich ihren Bedürfnissen und Impulsen entsprechend auszudrücken und offen und neugierig für das zu sein, was in ihrer Umgebung da ist. Auf diese Art und Weise reifen, leben und lernen Kinder.


Mit der entwicklungspsychologisch bedingten Fähigkeit zeitliche Dimensionen immer mehr zu überblicken setzt spätestens mit der Einschulung die Ausrichtung auf Zielsetzungen ein. In Bezug auf das Lernen der Kinder bedeutet dies jedoch, dass nicht mehr innere Lernimpulse, welche in Übereinstimmung mit kindlichen Interessen und der Reife ihrer biologischen Entwicklung einhergehen wichtig sind, sondern fremd definierte Inhalte und Ziele maßgebend werden.


Kinder haben bis zu diesem Zeitpunkt ohne Zielformulierungen eine Sprache, Verhaltensnormen in der Familie, diverse motorische Fähigkeiten, wie Essen, sich anziehen, Fahrradfahren, etc. gelernt.

Diese Lernform in Übereinstimmung mit inneren Impulsen und intrinsischer Motivation soll mit Eintritt in die Schule auf einmal nicht mehr funktionieren?

Obwohl sich Fachleute einig sind, dass Kinder eine angeborene Neugierde und einen angeborenen Drang zum Lernen haben, soll es mit Eintritt in die Schule auf einmal Druck und Zwang brauchen, damit Kinder etwas lernen?

«Kinder können nicht einfach tun, was sie wollen! Was würden sie denn da noch lernen?» Oder «Man muss doch im Leben Ziele haben, um etwas zu erreichen», lauten Überzeugungen aus der Erwachsenenwelt.


Viele Erwachsene scheinen den Kontakt zu ihrer eigenen intrinsischen Lernmotivation verloren zu haben, was nicht verwunderlich ist, wenn sie mindestens neun Schuljahre an Institutionen verbracht haben, an denen sie nur das tun konnten, was ihnen verordnet wurde. Der Zugang zu den eigenen Impulsen scheint genauso verloren zu sein, wie das Fühlen der eigenen Körperempfindungen. Ihr Fokus ist weit weg vom «wohnen» in ihrem Köper, dem Fühlen ihrer Impulse und Emotionen, so wie dem Präsentsein in der Gegenwart.


Das Lernen mit Zielen hat immer einen Aspekt, der weg von der Gegenwart in die Zukunft führt. In dieser Zukunft soll es besser sein als jetzt - denn wozu sonst hat man denn ein zukünftiges Ziel, wenn es dereinst nicht besser sein soll als jetzt? Das grosse Problem dabei ist, dass es da wo wir gerade sind im Vergleich dazu immer schlecht ist. Und das hält ja wirklich niemand aus, so dass es schleunigst wieder Ziele braucht, um von einer besseren Zukunft zu träumen. Dies ist auch der Grund, weshalb es so viele Menschen gibt, die nach dem Erreichen eines Zieles in ein Loch fallen und sich dann schnell neue Ziele setzen müssen, um sich auszuhalten.


Zurück in die Kindheit: Bis Kinder in die Schule kommen, lernen sie unzählige Dinge aus einem inneren Entwicklungsdrang und durch Anregungen aus der äusseren Umgebung heraus ohne dafür fremde Zielsetzungen zu benötigen.


Hirn- und Lernforscher konnten längst nachweisen, dass freies, intrinsisch motiviertes Lernen effektiv und kindgerecht ist:

»Nur was der Mensch selbst für sinnvoll hält, das was ihn neugierig macht, wird er langfristig behalten. Von außen initiierte Lernprozesse erreichen allenfalls das Kurzzeitgedächtnis.«

(Dr. Gerhard Huhn, Gehirnforscher, FlowForscher im Film „Democratic Schools“ von Jan Gabbert)


»In den allermeisten Fällen wird es (...) genügen, darauf zu vertrauen, dass die jungen Gehirne selbst am besten wissen, was sie in verschiedenen Entwicklungsphasen benötigen und dank ihrer eigenen Bewertungssysteme kritisch beurteilen und auswählen können. Kinder sind in aller Regel genügend neugierig und wissbegierig, um sich das zu holen, was sie brauchen.«

(Prof. Dr. Wolf Singer, Die Zukunft der Bildung, Suhrkamp 2002, S.96)


Kinder können durchaus auch etwas wollen - also so etwas wie Ziele haben, zum Beispiel Fahrrad fahren oder lesen lernen. Im Gegensatz zu den von aussen verordneten Lernzielen, welche sozusagen ein »Stoßen« in eine (fremd)gewünschte Richtung darstellt, ist das intrinsisch motivierte Lernen eher ein »Ziehen« oder ein Sog in eine Richtung, welche aus einem inneren Entwicklungsbedürfnis herrührt.


In den Familien ist die Zielorientierung je nach Überzeugung der Eltern nicht so ausgeprägt wie in der Schule. In manchen Elternhäusern wird der Druck, unter denen ihre Kinder in der Schule stehen erkannt und zu Hause wird bewusst Druck abgebaut, in dem die Kinder »sich sein« können und Zeit zum Spielen haben. Ebenso gibt es Elternhäuser, die auch in der Freizeit zielgerichtete Tätigkeiten in der Freizeitgestaltung ihrer Kinder forcieren, sei es im Lernen eines Instrumentes, wo es darum geht, immer besser zu werden oder in einer Sportart mit denselben Ambitionen. Die Aussage, dass Kinder dies ja wollen stimmt nur insofern, dass Kinder schon in jungen Jahren das zielgerichtete Erfogreichwerden der Erwachsenen übernehmen und verinnerlichen. Zu unterscheiden, ob Lernimpulse der Kinder intrinsisch motiviert oder fremdkonditioniert sind, ist die Kunst des aufmerksamen Pädagogen und oft erkennbar, wenn Leerräume für Kinder als langweilig erlebt werden.


Dazu Prof. Manfred Spitzer:

»Immer wieder wird die Frage gestellt, wie man es denn schaffe, Motivation zu erzeugen (...) Menschen sind von Natur aus motiviert, sie können gar nicht anders, weil sie ein äußerst effektives System hierfür im Gehirn eingebaut haben. Hätten wir dieses System nicht, dann hätten wir gar nicht überlebt. Dieses System ist immer in Aktion, man kann es gar nicht abschalten, es sei denn, man legt sich schlafen. Die Frage danach, wie man Menschen motiviert, ist daher etwa so sinnvoll wie die Frage: »Wie erzeugt man Hunger? «Die einzig vernünftige Antwort lautet: »Gar nicht, denn er stellt sich von alleine ein.« Geht man den Gründen für die Frage zur Motivationserzeugung nach, so stellt sich heraus, dass es letztlich um Probleme geht, die jemand damit hat, dass ein anderer nicht das tun will, was er selbst will, dass es der andere tut. In solchen Fällen wird vermeintlich Motivation zum Problem. Jemand muss, so scheint es, einen anderen motivieren.«

(Manfred Spitzer, Lernen, 2002. S. 192)


Ein anderer Gehirn- und Lernforscher drückt die Sachlage in positivem Sinne aus, in dem er nicht sagt was nicht funktioniert, sondern was Lehrkräfte zu einem effektiven Lernprozess beitragen können: Gerhard Roth, Gehirnforscher:

»Der Kern einer neurobiologisch-konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorie besteht in der Einsicht, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern im Gehirn eines jeden Lernenden neu geschaffen werden muss. Lernen ist also ein aktiver Prozess der Bedeutungserzeugung. Dieser Prozess wird durch Faktoren gesteuert, die überwiegend unbewusst wirken und deshalb nur schwer beeinflussbar sind. [...] Ein guter Lehrer kann den Lernerfolg nicht direkt erzwingen, sondern günstigenfalls die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Lernen erfolgreich abläuft.«

(Gerhard Roth, Zeitschrift für Pädagogik 50, 2004, S. 496-506)


Letztendlich stellt sich die Frage, weshalb wir Erwachsenen es Kindern zumuten, das erfolgreiche Lernmodell ihrer ersten Lebensjahre durch eines zu ersetzen, dass ihnen weder gut tut noch ihrem Naturell entspricht?

Es ist wohl der Mangel an Verankerung in unserem Körperempfinden, so wie das Nicht-fühlen-wollen unserer Emotionen und Lebensimpulse, die uns weg von uns selber und weg vom gegenwärtigen Moment in eine - so hoffen wir - bessere Zukunft treibt, so dass wir lieber in einer Welt von Zielen leben, als in der Unmittelbarkeit des Seins.

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