Veranstaltung mit Gerald Hüther:

Quo vadis, Bildung?

„Bildung im Zeitalter der Digitalisierung“ – dieses Thema traf offenbar einen Nerv. Das Team der Initiative Schulen der Zukunft hatte am 15. März zum Vortrag des deutschen Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther mit anschliessendem Gespräch eingeladen. Bereits Wochen vorher waren die 550 Plätze im Landhaus Solothurn ausverkauft.

 

Karin Engelkamp

 

Der Abend mit Prof. Hüther versprach ein inspirierendes Event zu werden, denn der renommierte Neurobiologe ist bekannt für seine anregende Art zu referieren. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, und die Anwesenden wurden nicht enttäuscht. Hüther erreichte das Publikum, was in den Wortmeldungen im Anschluss an seinen Vortrag zum Ausdruck kam. 

Digitalisierung sollte als das behandelt und wahrgenommen werden, was sie ist, nämlich ein Werkzeug, um die Globalisierung handlen zu können. „Wir stehen heute an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte“, sagte Hüther,  und die Digitalisierung habe grossen Anteil daran. Was der Mensch jedoch der Maschine voraus habe, seien Bedürfnis und Intentionalität.

 

Menschen sind berührbare Wesen

Alle Kinder hätten, wenn sie auf die Welt kommen, ein natürliches Bedürfnis zu lernen und zu erfahren. Im heutigen Schulsystem werde ihnen diese Freude ausgetrieben, indem sie bewertet und nicht als Subjekte, sondern als Objekte behandelt werden. Es ginge mehr denn je darum, die Kinder darin zu stärken, ihr Potential auszuschöpfen. Menschen seien berührbare Wesen und nur in unvoreingenommener Begegnung – zum Beispiel zwischen Lehrperson und SchülerIn – finde das Kind den Raum, seine Freude am Lernen zu bewahren. „Das heutige Schulsystem aber unterdrückt diese Freude“, führte Hüther aus, indem es die Kinder in ein normiertes Lernschema zwänge.

 

Wirtschaft ist gefragt

Begegnung, Verbundenheit, Freiheit und Autonomie seien die Faktoren, auf die im Klassenzimmer der Fokus gelegt sein sollte. Nur so könnten kreative Erwachsene aus ihnen werden, die die Digitalisierung als Werkzeug benutzen, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen. Hüther verwies auf die Wirtschaft als verantwortliches  Organ für ein potentialentfaltendes Bildungssystem an Schulen. Unternehmen bräuchten kreative, gesunde Köpfe, die mit inkohärenten Situationen umzugehen verstehen und zu Kooperation fähig sind. Lehrpersonen seien genauso wie die Kinder in dem rigiden Schulsystem gefangen, aber sie könnten trotzdem ihren Unterricht selbst gestalten. „Sie müssten sich alle weigern, Selektoren zu sein, die über Kinderschicksale entscheiden.“ Das Publikum antwortete darauf mit Applaus.

 

Kümmert euch

Nach seinem Vortrag stellte Prof. Hüther die schweizerischen Vertreter der von ihm gegründeten Akademie für Potentialentfaltung vor, bevor das Team von Schulen der Zukunft zur Diskussion einlud. Die Wortmeldungen und Fragen aus dem Publikum drückten Dankbarkeit aus für die inspirierenden Worte Hüthers. Skepsis gegenüber der FridayForFuture-Bewegung kam zum Ausdruck. „Nach der Demo bestellen sie dann doch wieder bei Zalando“, äusserte ein Besucher. Dies sei nicht der entscheidende Punkt, entgegnete Hüther. Die junge Generation handle aus dem Gefühl der Dringlichkeit heraus und rufe den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft zu: „Kümmert euch!“ Auch die heutige Elterngeneration sei anders als früher und er führte das Beispiel der deutschen Stadt Görlitz an. Dort gäbe es neuerdings ein Schulkonzept, das auf Freiwilligkeit beruht, um Familien dorthin zu ziehen, um der Überalterung der Stadt entgegenzuwirken. „Und es funktioniert“, sagte Hüther.

 

Optimismus

Auf die Bemerkung einer Besucherin, dass sie überhaupt den Schutz der Natur vernachlässigt sähe, antwortete der Neurobiologe mit einer hoffnungsvollen Erwiderung: „Die Evolution hat noch mindestens fünfzig Versuche der Entwicklung von den Würmern bis zum bewussten Menschen, bevor die Sonne verglüht; da fällt so eine Phase des Irregeleitetseins nicht so schwer ins Gewicht.“ Hüthers Optimismus, gepaart mit einem realistischen Blick auf die Gegebenheiten, liess viele Besucher dieses lebendigen Abends inspiriert und mit neuem Tatendrang nach Hause gehen. Er gab allen Besuchern noch einen bedenkenswerten Aphorismus mit auf den Nachhauseweg: „Würde bedeutet, sich nicht zum Objekt machen zu lassen, und niemanden zum Objekt zu machen.“

 

Hier gehts zur Aufnahme des Vortrags!