Viele Kinder fühlen sich wertlos und ausgegrenzt


Daniel Hunziker im Gespräch mit Hirnforscher Gerald Hüther und Roman Rüdiger, Dozent für Lehrerbildung und Geschäftsführer des buddY e.V. im Vorfeld des 2. Bildungskongresses von Schulen der Zukunft vom 28.4.2014

 

Daniel Hunziker: Mehr als die Hälfte aller Kinder in der Schweiz werden im Laufe ihrer Schullaufbahn mindestens einmal mit speziellen sonderpädagogischen Massnahmen konfrontiert. Im Kanton Bern stieg die Diagnose Asperger innerhalb von 5 Jahren um das 47-fache. Zudem ist die Schweiz nach Finnland das Land mit der höchsten Selbstmordrate von Knaben in Europa. Das sind erschreckende Zahlen. Wie sind sie zu erklären, respektive was läuft falsch an den Schweizer Schulen?

 

Gerald Hüther: Offensichtlich gelingt es Familien und Schulen nicht ausreichend, den grundlegenden Bedürfnissen der Kinder und den Erfordernissen einer kindgerechten Bildung gerecht zu werden. Kinder brauchen in erster Line das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft, in der sie sich so angenommen fühlen, wie sie sind und nicht wie wir sie haben möchten. Weiter brauchen Sie Gelegenheiten, wo sie zeigen können, was in ihnen steckt. Erfahrungsräume, in denen sie sich selber gestaltend und handelnd tätig erleben können. Statt dessen fordern wir von ihnen, dass alle zur selben Zeit dasselbe auf dieselbe Art und Weise lernen und geben dann auch noch vor, wie die Ergebnisse auszusehen haben. Allen Kindern wird damit die eigene Gestaltungsfreude genommen und diejenigen Kinder, welche den vorgegebenen Anforderungen aus irgendwelchen Gründen nicht entsprechen können, fühlen sich wertlos und ausgegrenzt.

 

Roman Rüdiger: Die Pathologisierung der Kinder ist aus meiner Sicht Ausdruck der Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie grundlegende Entwicklungsbedürfnisse der Kinder in Verbindung mit lust- und wirkungsvollen Lernprozessen gebracht werden können. Statt, dass sich die Schule den natürlichen Bedürfnissen der Kinder anpasst, müssen sich Kinder einem starren Schulsystem anpassen. Dass dies immer weniger gelingt, machen diese Zahlen ja mehr als deutlich. Nebst einem Verständnis was Kinder wirklich von ihrer Schule brauchen - so wie es Gerald Hüther beschrieben hat – müssen wir auch schauen, wie wir die Rahmenbedingungen diesen Erfordernissen anpassen können. Wenn wir schon wissen, wie unterschiedlich die Reifeentwicklung bei Kindern ist – Kinder mit 7 Jahren weisen Entwicklungsunterschiede bis zu vier Jahren auf, Jugendliche mit 15 Jahren bis zu sechs – dann macht ein Jahrgangsklassensystem, in dem alle gleichaltrigen Kinder, zur selben Zeit das Gleiche lernen müssen wenig Sinn. Der Lehrplan 21, der die Möglichkeit bietet, weg von Jahrgangsklassenlernzielen zu kommen und statt dessen in jahrgangsübergreifenden Zyklen angelegt ist, würde eine solche auf kindliche Entwicklungsbedürfnisse angepasste Struktur bieten. Mich würde es sehr freuen wenn viele Schulen die Chancen die die Reform bietet konsequent für ein bessres Lehr- und Lernangebot nutzen würden.

 

Daniel Hunziker: Rund 60% aller Kompetenzen eignen sich Kinder und Jugendliche ausserhalb der Schule an. Trotzdem schaffen wir es nicht, dass Lehrpersonen und Eltern an einem Strick ziehen. Lehrer fühlen sich von gewissen Eltern im Stich gelassen, weil diese sich kaum am Schulalltag beiteiligen, engagierte Eltern hingegen blitzen bei Schulverantwortlichen mit ihren Anliegen ab. Wie können Schule und Eltern besser zusammenarbeiten?

 

Gerald Hüther: Es muss uns künftig besser gelingen, dass alle Akteure der jeweiligen  Schule in einen Dialog miteinander treten. Wenn lediglich Ideologien aufeinanderprallen und sich Menschen gegenseitig bekämpfen, gibt es am Schluss nur Verlierer – insbesondere die Kinder und auch die Lehrpersonen. In der Regionalgruppenarbeit der Initiative „Schulen der Zukunft“ ist dieses Anliegen ein zentrales Thema: Wie können wir eine Gesprächskultur aufbauen, in der eine neue Art des einander Zuhörens gelingt? Erst dann, wenn unterschiedliche Sichtweisen nicht mehr miteinander konkurrieren, sondern sich gegenseitig bereichern, ist eine neues gemeinsames Miteinander möglich, so dass eine Schulgemeinschaft sich auch in eine gemeinsame Richtung entwickeln kann.

 

Roman Rüdiger: Als Geschäftsführer des buddY e.V. ist es mir schon lange ein Anliegen, das schulische Umfeld, also zum Beispiel die Eltern, in die Schulentwicklung miteinzubeziehen. Familien sind die entscheidenden Bildungsinstanz! Die Zukunft gehört einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Schulen und Familien; vor allem für bildungsferne Familien. Aus diesem Grund haben wir in Deutschland schon seit Jahren das family-Programm eingeführt. Mit diesem Programm versuchen wir vor allem bildungsferne Familien und Familien mit Migrationshintergund zu sensibilisieren, wie sie in ihren Familienalltag aktiver werden können. In der Schweiz werden wir am Bildungskongress von „Schulen der Zukunft“ am 31. Mai im Kongresshaus Zürich das family-Programm auch in der Schweiz einführen. Zusätzlich werden auch die sogenannten »Helikoptereltern« thematisiert. Das sind Eltern, welche über dem Leben ihrer Kinder kreisen, alles kontrollieren und organisieren. Ich vermute, dass diese Thematik zusammen mit dem enormen Leistungsdruck der Schulen mitverantwortlich ist für die hohe Selbstmordrate bei Knaben in der Schweiz. 

 

Daniel Hunziker: Was können Schulen tun, um Kindern besser gerecht zu werden, um ihnen eine kindgerechtere Bildung in ihrem Sinne zu bieten?

 

Gerald Hüther: Es geht mir nicht darum, dass Schulen sich in meinem Sinne verändern. Es geht darum, dass die für die Schulen verantwortlichen Personen beginnen zu verstehen, was Kinder brauchen, um sich gut entwickeln zu können und wie sie effektiv lernen können. Ich wiederhole mich: Schule muss so gestaltet werden, dass Kinder aufgrund ihrer Reifeentwicklung gestaltend und selbsttätig an Aufgaben wachsen können, die für sie mit positiven Emotionen verbunden sind und sie sich in ihrer Klassengemeinschaft aufgehoben, zugehörig und wertvoll erleben.

 

Daniel Hunziker: Wie sieht es mit der Wissensvermittlung, den Kompetenzen aus, die die Schule den Kindern mit auf den Weg gibt? Entsprechen diese den Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft?

 

Schule ist immer ein Abbild dafür, was die jeweilige Gesellschaft braucht. Hier stellen wir fest, dass die Schule auch in diesem Punkt hinterherhinkt. Schule, wie wir sie immer noch an den meisten Orten sehen, funktioniert so, dass sie Kindern vorgefertigte Fragen vorgibt, zu denen es richtige oder falsche Antworten gibt. Sie gibt ihnen Aufträge, die sie pflichtbewusst abarbeiten sollen. Diese Lernmethodik generiert keine kreativen Denker und handlungskompetente Menschen, sondern brave Pflichterfüller. Diese Zielsetzungen haben womöglich vor 150 Jahren gepasst, als man in den Fabriken Fliessbandarbeiter brauchte, die ohne zu denken, immer das Gleiche gemacht hatten. Heute leben wir jedoch in einer Gesellschaft, in der 30% der Menschen in der Produktion arbeiten und 70% im Dienstleistungssektor. Auch der reine Wissenserwerb hat nicht mehr die gleiche Bedeutung wie vor 100 Jahren. Wissen ist heute für alle überall und zu jeder Zeit verfügbar. Es muss heute darum gehen, Wissen nicht mehr einfach auswendig zu lernen, sondern in komplexen Problemstellungen und herausfordernden Situationen anwenden zu können und mit eigenem Engagement und gemeinsam mit anderen Menschen zu arbeiten. Darauf bereitet unser derzeitiges Schulsystem die Kinder und Jugendlichen nicht hinreichend genug vor.

 

Roman Rüdiger: Im Volksmund sagt man: »Aus Fehlern lernt man«. Nur, wenn ich die heutigen Schulen anschaue, werden Fehler vor allem vermieden und wenn dann doch welche passieren, werden sie rot angestrichen und bewirken Notenabzüge. Was Schulen tun könnten, um sich zu potenzialentfaltenden Bildungseinrichtungen zu verändern, wäre eine neue Fehlerkultur aufzubauen. Überall dort, wo etwas Neues ausprobiert wird, besteht die Möglichkeit dass etwas gelingt aber auch dass wir scheitern. Und weil niemand scheitern will, wagt auch niemand etwas. Deshalb gelingt uns aber auch keine Veränderung und alles bleibt beim Alten. Schulleiter, Lehrpersonen, Behörden und Eltern sollten beginnen, sich gegenseitig die Angst zu nehmen, dass sie für mutiges Ausprobieren, respektive für das Scheitern Spott und Häme ernten, sondern dafür anerkannt und wertgeschätzt werden. Die Schulen von Diepoldsau im St. Galler Rheintal ist ein gutes Beispiel dafür. Sie ist die erste Schweizer Gemeinde, die zur Schule der Zukunft werden möchte und sich in einen Entwicklungsprozess begibt, an dem alle Betroffenen sich zusammen tun und sich gemeinsam um die Weiterentwicklung ihrer Schule kümmern.