Gespräch mit einer 16-jährigen Gymnasiastin

Interview von Prof. Dr. Volker Heyse mit Ellen, einer 16-jährigen Gymnasiastin über ihre Erfahrungen und den Vergleich der Sek II in Selwyn College (Auckland/Neuseeland) und einem deutschen Gymnasium.

 

Prof. Dr. Heyse ist Kompetenzexperte, Präsident der Heyse Stiftung, Referent anlässlich des 3. Bildungskongresses von SdZ und Autor, unter anderem des Buches „Aufbruch in Zukunft“ (Waxmann Verlag 2014).  Aufbauend auf diesem Buch sucht er Menschen, welche bereit sind, zum Interview mit Ellen untenstehende Fragen zu beantworten, die für eine folgende Publikation verarbeitet werden. Alle Teilnehmenden werden die Auswertung der Umfrage erhalten. 

Interview mit Ellen

Frage: Sie waren im Jahr 2014 für sechs Wochen in einer Schule in Auckland / Neuseeland. Inzwischen sind Sie wieder sechs Monate in Deutschland und können sicher mit diesem zeitlichen Abstand Ihren dortigen und den hiesigen Schulalltag miteinander vergleichen?

Antw: Ja, es gibt viele interessante Unterschiede, die unterschiedlich zu bewerten sind. Mir geht es hier in der Schule gut. Ich sehe aber viele Sachen in Neuseeland, die auch für die Schulen hier gut wären.


Frage: Was ist das Wichtigste von dem, das Sie erlebt haben?

Antw: Es wird viel dafür gemacht, dass das Lernen Spaß macht. Wir wurden ständig neugierig gehalten und motiviert, etwas auszuprobieren.


Frage: Können Sie dafür Beispiele nennen?

Antw: Ja, es konnten sechs Fächer ausgewählt werden, die dann auch im weiteren belegt wurden. Dazu gehört auch Mathematik. Durch die eigene Wahl ist man dann auch an den Fächern interessiert und zum Handeln motiviert. Und es wird viel experimentiert. Hier in unserem Gymnasium haben wir etwa dreizehn Fächer, und erst in der Oberstufe kann ich wählen oder abwählen.

Ein Fach war zum Beispiel „Science“. Dieses Fach enthält und verbindet Physik, Chemie und Biologie. Wir wurden immer wieder auf naturwissenschaftliche Zusammenhänge aufmerksam gemacht. Es gab einen Lehrer für dieses Fach, der unterrichtete. Aber zu bestimmten Fragen kamen noch andere Lehrer hinzu. Zum Beispiel machte eine Lehrerin mit uns  etliche Experimente in Physik.

Und dann waren die Schritte bei der Bearbeitung von Aufgaben – und da gab es viele – anders: Wir arbeiteten zu Anfang in der Regel zu Dritt oder zu Zweit an der Aufgabe und tauschten uns viel aus. Ab einem bestimmten Zeitpunkt arbeitet jeder allein weiter und präsentierte das Ergebnis. Neben der Beschreibung der Lösung an sich musste dann jeder erklären, wie man zu der Lösung kam, aber auch was bei der Erarbeitung erlebt wurde, wie man an die Aufgabe herangegangen ist und welche Informationsquellen benutzt wurden: Bibliothek, Internet, Erfahrungsaustausch mit anderen, eigene Einfälle…


Frage: Haben Sie weitere Beispiele aus anderen Fächern?

Antw: Das Grundmuster ist gleich – so wie ich es eben versucht habe zu beschreiben. Aber natürlich hat jedes Fach eigene Besonderheiten und Möglichkeiten eines lebendigen Unterrichts. Ich hatte auch das Fach Drama gewählt. Eigentlich war das Ziel, zu einer Aufführung auf der schuleigenen Bühne vor allen anderen Schülern, Lehrern und natürlich auch vor den Eltern. Die einzelnen Anforderungen in diesem Fach waren: Script lernen, eine überzeugende Rolle und persönlichen Charakter zu entwickeln, zwischenzeitliche Umsetzungstests, Nachdenken und schriftliche Reflektion über die Rolle, Aufsatz über Komödie in der Geschichte und heute.

Das ist auch typisch: In jedem Fach werden immer wieder Kurz-Aufsätze geschrieben – über Filme, über Experimente, über Drama. Es wird immer wieder zur Selbstreflektion, zu persönlichen Meinungen und zu Vorschlägen zum Bessermachen oder zum besseren Verständnis aufgefordert.

Und es wird von den Lehrern und auch von den Mitschülern ständig Feedback gegeben. Das motiviert deutlich.


Frage: Wie sieht es in anderen Fächern aus?

Antw.: Ja, bei Physical Education (Sport) überwog der  Mannschaftssport wie Volleyball, Baseball, aber auch das gemeinsame Bauen eines hohen Turms mit großen Luftballons. Im Vordergrund standen Teamwork, Kommunikation mit anderen, das Motivieren anderer, die Zusammenwirken mit anderen, die Selbstreflektion der eigenen Leistung und des Ermunterns anderer. Der Lehrer gibt dabei umfassendes Feedback zur Teamleistung und zum eigenen Wirken.

Man ist stets wach dabei und bekommt ständig wichtiges Feedback.


Frage: Was ist weiter charakteristisch und für Sie besonders interessant an der Schule in Auckland?

Antw.: Ja, jeder arbeitet mit dem eigenen Computer. Er gehört als Lern- und Arbeitsmittel in den Unterricht. Und die Lehrer haben auch Zugriff auf meinen Computer und können mich jederzeit korrigierend und motivierend begleiten. Wir arbeiteten viel mit dem Computer – in fast allen Fächern. Insbesondere für Recherchen in Datenbanken, Bibliotheken…Im Fach Geschichte mussten wir zum Beispiel Material suchen: im Internet, in Bibliotheken (auch international), Videos, Interviews mit möglichen Kontaktpersonen, digital in Museen, frühere Schülerpräsentationen zur Sache. Und wir mussten das einzeln oder in kleinen Gruppen verdichten und gut in Texten zusammenfassen. Es mussten Hintergründe erforscht und dargestellt und für andere auch nachvollziehbar und einleuchtend begründet werden.

In unserer Schule hatten wir auch keine Hefte; alles wurde mit dem Computer gemacht. Überall in der Schule gab es WLAN, überall Möglichkeiten, ins Internet zu kommen. Und das zweite Lern-Hilfsmittel war das Handy. Alle Schüler hatten Computer und Handy. Das macht Sinn. Im Fach Geschichte bekamen wir Einzel- oder Kleingruppen-Aufgaben und mussten selbst umfassend Materialien suchen und zusammen stellen: Schulbibliothek und außerschulische Bibliotheken, Internet, Videos, Recherchen früherer Schüler-Jahrgänge u.a. Dann mussten die Recherche-Ergebnisse verdichtet und gut in einem Text zusammengefasst werden. Wir mussten unsere Rechercheergebnisse begründen, auf Hintergründe hinweisen und überzeugend präsentieren. Wichtig sind dabei die eigene umfassende Beschäftigung mit dem Stoff und der kritische Dialog.


Frage: Wie war der Zusammenhalt zwischen den Schülern?

Antw.: Alle Schüler waren sogenannten „Häusern“ zugeteilt – insgesamt 4 Häusern. Damit wurde vieles überschaubarer und man kannte sich.

Jedes „Haus“ hatte ein eigenes Wappen und eine eigene Farbe. Jedes Haus hat einen Oberlehrer und zwei Schulsprecher. Und es war für alle Mitglieder dieses Hauses wichtig, für dieses Haus einzutreten und Erfolge einzuholen: sportliche Erfolge an Sportdays, Schüler mit den besten Sozialleistungen innerhalb und außerhalb der Schule u.v.a.m. Am Ende steht die Frage: „Welches Haus ist das Gewinnerhaus?“ Das verbindet untereinander enorm und schult meines Erachtens die Solidarität untereinander und die gegenseitige Motivation – wie auch den Stolz auf gemeinsame Erfolge.

Und dann gab es jeden Freitag kurze Versammlungen in den vier „Häusern“. Da wurden Best Practice-Beispiele verallgemeinert, Geburtstage gewürdigt, jeder Einzelne irgendwie hervorgehoben und bestärkt. Und das bei jeweils rund 200 Schülern des jeweiligen Hauses.  


Frage: Wie war es mit der Disziplin in der Schule?

Antw.: Alles lief dort legerer, unverkrampfter. Die Disziplin war dennoch hoch. Ich glaube, da spielte die Zugehörigkeit zum jeweiligen Haus eine große Rolle. Man durfte das Haus nach außen und nach innen nicht verletzen. Ich meine die Verhaltenskultur, den Anstand untereinander. Und dann spielte sicher auch die Schuluniform eine Rolle, die ja auch mit Verhaltensnormen schulintern und in der Öffentlichkeit in Verbindung steht.

 

Frage: Können Sie etwas zum typischen Tagesaublauf sagen? Gab es einen solchen – unterscheidbar zu hiesigen Schulen?

Antw.: Wir hatten jeden Tag fünf Stunden Unterricht und begannen morgens um 8:40 Uhr, mittwochs sogar erst um 9:40 Uhr. Die Unterrichtsstunde war 60 bzw. 55 Minuten lang. Nach jeweils zwei Stunden gab es eine halbe Stunde Pause. Um 15:10 Uhr konnten wir nach Hause gehen.

Es gab keine festen Klassen, sondern Kurse. Die Kursgröße schwankte zwischen 15-25 Teilnehmern. So kam ich mit bedeutend mehr Schülern zusammen als in unseren hiesigen festen Klassen. Wenn man mit den Lehrern Kontakt aufnehmen wollte, musste man in das „Kurs-Zimmer“ zum Lehrer gehen.

Jeden Tag gab es von 10:40 – 11:00 Uhr 20 min Mentor-Zeit. Da konnte man in einem bestimmten Raum zum jeweiligen Mentor-Lehrer gehen. Da kamen Schüler aus den verschiedenen Kursen und Jahrgängen im Rahmen der Mentor-Zuordnung zusammen.


Frage: Welche Schulnoten gibt es?

Antw.: Es gibt - wenn ich das richtig erinnere -  drei Zensurengruppen mit jeweils zwei Graduierungen:

* E (Excellent): entspricht der deutschen 1

* M (Merit): entspricht der deutschen 2

* A (Achieved = Bestanden): entspricht der deutschen 3-4

*  N A (Not Achieved = nicht bestanden): entspricht der deutschen 5-6

Man sammelt übers Jahr in verschiedenen Themen Credits, also Punkte. Meistens kommt nach einem Thema ein Test, der dann (wenn es ein Internal ist) vom Lehrer korrigiert und benotet wird. Jeder dieser Tests umfasst eine bestimmte Anzahl an Credits; insgesamt kann man im Jahr durch diese Tests pro Fach um die 20 Credits sammeln. Also hat man dann am Ende zum Beispiel in Mathematik 6 Excellence Credits, 5 Merit, 6 Achieved und 3 Not Achieved. 

Wenn man in einem Fach mehr als 14 Excellence Credits hat und keine Not Achieved, hat man am Ende des Jahres Excellence in dem Fach. Die Exams sind auch nochmal Credits Wert, meistens so 4-6 pro Aufgabenheft. Um Excellence in einem Fach zu bekommen, braucht man mindestens 14 excellence Credits. Und von denen müssen jeweils mindestens 4 aus den Exams und mindestens 4 aus Internals sein. 

In die Endzensuren am Ende des Schuljahres gehen Einzelzensuren und die darüber hinaus gehenden Einschätzungen der Lehrer über den Zeitraum ein.

Die einzelnen Schulfächer werden in zwei Levels durchgeführt: Level 1 (durchschnittliches Leistungsniveau) und Level 2 (Fortgeschrittene). 

Für besonders gute Schüler gibt es auch schuljahrbezogene Stipendien – unabhängig von der Herkunft.


Frage: Wie wurde an Ihrer Schule mit behinderten Schülern und mit unterschiedlichen Ethnien umgegangen – also mit Maori, Einwanderern aus Asien, Europa, Amerika und anderen Erdteilen?

Antw.: Das sind ja zwei Fragen. Also, über Inklusion wird meines Erachtens gar nicht so kompliziert wie in Deutschland nachgedacht. Es wird gemacht. In den verschiedenen Fächern waren Schülerinnen und Schüler mit mittleren und größeren Behinderungen. Zum Teil kamen diese mit ihren ständigen Pflegepersonen. Zum Teil nahmen sie nur ausschnittsweise am Unterricht teil – ganz nach ihren gesundheitlichen Möglichkeiten.

Und das wurde von den anderen Schülern als normal angenommen und gar nicht abgrenzend oder ratlos kommentiert. Ich glaube, Neuseeland ist da sehr viel weiter als Deutschland. Keiner weiß zum Beispiel in Deutschland, dass es in Neuseeland drei Amtssprachen gibt: Englisch, Maori und die Gebärdensprache. Es gibt wohl in Neuseeland nur rund 3.000 Taubstumme. Aber die Gleichstellung der Gebärdensprache ist zugleich der Ausdruck eines Lebensanspruchs und ein generelles Zeichen für die Gleichstellung von Gesunden und gesundheitlich eingeschränkten Einwohnern.

Und zur zweiten Frage: Ich habe keine grundsätzlichen Ausgrenzungen oder Vorurteile gegenüber Migranten oder unterschiedlichen ethnischen Gruppen gesehen. Neuseeland ist ein Einwanderungsland und abhängig von Ausländern, die sich integrieren wollen und damit für das Land wichtig sind. Allerdings haben es einige Schüler aus Migranten-Familien auch sprachlich schwerer. Und so gibt es in den „vier Schulen“ auch spezielle Räume, in denen sich solche Schüler treffen und von den Lehrern Unterstützung erwarten können. Und die Maori-Schüler erhielten in den Schulfächern von den Lehrern vielfach Unterstützung, indem bei Erklärungen durch die Lehrer auch Synonyme in der Maori-Sprache gesucht wurden.

Etwas schwieriger war es, mit den Maori-Mädchen in Kontakt zu kommen. Die Maoris sonderten sich einerseits mehr ab. Und andererseits benahmen sich die Mädchen eher wie die Maori-Jungs: offensiv mit zum Teil aufgesetzter Stärke, laut.

Ich erinnere mich auch daran, dass es in der Schule auch ein Center und Programm für eingewanderte Erwachsene und für ganze Familien gab, das zu meiner Zeit ein 10jähriges Jubiläum feierte. Die Leute kamen aus aller Herren Länder. Sie lernten dort Englisch und hatten ein breites kulturelles Integrationsprogramm. Für die kleinen Kinder gab es eine eigene Kinderbetreuung mit dem gleichen Ziel. Das war schon beeindruckend: Leute aus Iran, Irak, Europa, China, Indien Eritrea, Burma, Kolumbien usw.


Frage: Wie erschien Ihnen die Profilierung der Lehrer?

Antw.: Ich habe die Lehrer als fachlich gut und um jeden Schüler sehr bemüht erlebt. Multikulti, locker. Wir hatten auch etliche Lehrer, die aus Indien kamen. Bei denen hatten wir oft Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Dann haben sich die Schüler untereinander verständigt und versucht, die Inhalte zu erfassen. Man konnte aber auch jederzeit zu diesen Lehrern – wie auch zu allen anderen – gehen und sie bitten, Ihre wesentlichen Inhalte noch einmal verständlich zu erklären. Diese Bereitschaft, Feedback anzunehmen und die Lernprozesse auch individuell zu unterstützen – ja, das gehörte dort zum Verständnis der Schule.

Frage: Wie war es in dieser Schule mit den Hausaufgaben? Bekamt Ihr viele?

Antw.: Hausaufgaben bekamen wir - mit wenigen Ausnahmen - nicht auf. Im Kurs „Drama“ mussten wir natürlich auch außerhalb des Unterrichts die Rollen und die damit zusammen hängenden Script lernen und verinnerlichen.

Bei uns war täglich die Schule um 15:10 Uhr zu Ende. Hausaufgaben gab es wenig, da der Unterricht sehr übungsintensiv und handlungsorientiert verlief.  In Deutschland ist der Unterricht in der Regel um 13:00 Uhr zu Ende und man ist sehr gestresst und muss dann noch Aufgaben mit nach Hause nehmen. Hier sieht jeder Lehrer nur sein eigenes Fach und überfordert oft die Schüler mit Hausaufgaben. Einen solchen Stress habe ich in Auckland nicht erlebt.

Man konnte sich nach 15:10 Uhr in der Schule oder auch außerhalb vielfältig sportlich oder kulturell betätigen. Aber das war ausschließlich fakultativ. Zum Beispiel war die Turnhalle auch noch am Abend betretbar. Das Fitnessstudio konnte zu finanziellen Sonderbedingungen so oft wie erwünscht besucht werden. Oder: Es gab viele Vortragsangebote zu den verschiedensten Fragen und Lebensbereichen. Der Kochbereich war auch immer interessant und zugänglich. Man konnte spontan während oder nach dem Unterricht in ihm Aktionen machen, zum Beispiel in der zweiten halbstündigen Pause „Sushi machen“. Kochen konnte man allerdings auch als Fach wählen.


Frage: Wenn Sie wählen sollten, welche Schule Ihnen besser liegen würde, welche würden Sie wählen? Das deutsche Gymnasium oder die Schule in Auckland?

Antw.: Diese Frage kann ich nicht eindeutig beantworten. Die Schulpolitik ist doch sehr unterschiedlich. Ich habe mich in Neuseeland in den ersten zwei Monaten sehr umorientieren müssen – weg vom Büffeln und vielem auswendig lernen. Ich hatte auch zeitweilig Angst, in Deutschland abgehängt zu werden. Da wird im gleichen Zeitraum viel mehr an Wissen vermittelt. Es hat eine Zeit gebraucht bis ich erkannte, dass Weniger, das aber experimentierend und mit viel Erfahrungsaustausch verbunden ist, vielleicht letzten Endes mehr ist. Aber die Frage ist schwer zu beantworten. Ich bin von unserer hiesigen Schule geprägt und möchte sie auch gut zum Abschluss bringen. Aber ich sehe auch viele Möglichkeiten, den Unterricht lebendiger und lebensorientierter zu gestalten. Das haben die Neuseeland anscheinend besser drauf.


Frage: Und wie kamen Sie nach Ihrer Rückkehr nach einem halben Jahr Schule in Neuseeland dann in Ihrer deutschen Schule zu recht?

Antw.: Meine Eltern und ich befragten die Lehrer, was ich unbedingt nachholen muss, was wirklich das wesentliche in den einzelnen Fächern war. Da musste ich schließlich nicht so viel nachholen und konnte mich auf das eigentlich Wichtige konzentrieren. Das ging ganz gut. Und bei den Fremdsprachen war es so: In Latein ist ja nichts Neues dazu gekommen, sondern es wird vor allem immer und immer wieder übersetzt. Da kommt man wieder gut hinein. Bei Französisch ist es etwas anders. Aber auch da gelang mir der Anschluss an das Wesentliche. Insgesamt haben sich meine Ängste bisher zum Glück nicht bestätigt.


Frage: Wenn Sie Ihre Lehrer einmal vergleichen mit den beiden Schulsystemen. Wer ist da eher der emotionale, ansteckende wie anscheinend in Neuseeland mehr vorzufinden? Und wer ist eher „typisch deutsch“?

Antw.: Ich glaube, jeder unserer Lehrerinnen und Lehrer versucht, Ihren Job gut zu machen – mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen natürlich.

Na, ja, „neuseeländischer“ erscheint mir unser Mathe-Lehrer. Er ist sehr emotional. Er erklärt so lange, bis wir es verstanden haben. Mich steckt er mit seinem Enthusiasmus an. Er schwärmt für die Mathematik und lebt sie für uns.

Deutscher kommt mir unsere – durchaus auch engagierte – Physiklehrerin vor. Sie liest immer aus dem Buch vor. Sie schreibt aus dem Buch ab. Und bei Fragen liest sie selbst erst einmal aus dem Buch ab. Hier wird anscheinend mehr nüchtern auf nachlesbares Wissen Wert gelegt.

Was für mich besonders beeindruckend war: In Auckland wurde viel gemacht, damit alle immer aktiv dabei sind. Und es wurde immer wieder zur Aktivität ermutigt. Da waren viele Emotionen auf beiden Seiten im Spiel, hier in der Schule doch überwiegend der Kopf. Bei den unterschiedlichsten Aufgaben und Fächern mussten wir erst einmal mitteilen, wie wir an die Aufgabe herangehen wollen, unsere Überlegungen mitteilen. Dann mussten wir unsere Herangehensweise begründen. Und wir erhielten dann Feedback zu unserem Engagement, zu unserer Mitarbeit und ersichtlichen Motivation. Das war auch besonders in Auckland: Wir mussten uns ständig einschätzen, wie engagiert an Aufgaben heran gingen, wie wir uns selbst motiviert haben, wie wir mitgearbeitet haben und wie wir andere, also unsere Mitschüler, motiviert haben und bekamen von den Lehrern und Schülern auch entsprechendes Feedback.

So viele Noten wie hier gab es nicht. Mitte des Jahres und am Ende des Jahres gibt es Tests in der Form von bewertbaren Aufsätzen oder auch Abfragen von Wissen und praktischen Problemlöse-Abfragen und -Begründungen.

Es ist während des Jahres auch ganz normal, sich selbstständig Feedbacks von den Lehrern, aber auch von den Mitschülern einzuholen. Feedback einholen – das ist gehört zum Schulalltag und wird viel genutzt. Und zum Ende des Schuljahres gibt es ein umfassendes schriftliches Feedback über die erlebten Lehrer. Das heißt, wir bewerten sie auch. 

 

Herzlichen Dank für das Interview.

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