ZUR ÜBERGABE DER LEITUNG VON SCHULEN DER ZUKUNFT AN EIN NEUES KERNTEAM

von Daniel Hunziker

Was ich aus 16 Jahres Schulerfahrung als Schüler, 30 Jahren Schulerfahrung als Lehrer oder Schulleiter und 6 Jahren als Co- Leiter und Gründer der Initiative Schulen der Zukunft gelernt habe.

 

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Es gibt sie nicht DIE Schule – weder DIE öffentliche Schule, noch DIE Privatschule, genau so wenig wie DIE Lehrer, DIE Eltern oder DIE Schüler.

 

Nein, an einer Schule gibt es schätzungsweise 40% Lehrpersonen einer Gruppe A, die für die Gefühle ihrer Schülerinnen und Schüler resonanzfähig sind, darunter leiden, dass die meisten von ihnen spätestens ab der 2. Klasse beginnen die Lernfreude zu verlieren, verzweifelt darüber sind, dass ihre Schützlinge mit zunehmendem Alter nicht mehr aus Interesse an einer Sache lernen, sondern nur noch für eine Note oder ein gutes Zeugnis lernen und die sich so sehr wünschen, eine freudvollere, kindgerechtere, lebendigere Schule gestalten zu können. Vielleicht 5% – 10 % dieser Lehrpersonen verabschieden sich nach nur wenigen Jahren im Schuldienst in ganz andere Berufszweige oder wechseln immer häufiger an Privatschulen, schlicht weil der Schmerz für sie zu gross ist, Teil davon zu sein, den Kindern ihre Lebendigkeit auszutreiben.

 

Schätzungsweise 30 % der Lehrpersonen an öffentlichen Schulen einer Gruppe B praktizieren traditionell Schule, im Sinne, dass sie obligatorischen Schulstoff verabreichen und pflichtbewusst Vorgaben umsetzen, die zwar vorgeben Lernziele zu erreichen, jedoch den Schülerinnen und Schülern in erster Linie die Gestaltungslust und Neugierde austreibt und sie, wenn es gut geht, zu verhaltensauffälligen (damit uns etwas aufällt) und unangenehmen Störefrieden, wenn es schlecht geht zu gehorsamen Pflichterfüllern macht. Lehrpersonen der Gruppe B spüren, dass das so nicht wirklich gut und richtig ist, dass sie den Menschen in ihren Schülern verlieren und dadurch selber unmenschlich werden. Sie haben aber auch nicht den Mut oder die Gabe, es anders zu versuchen oder Angst es nicht zu können oder aber sie fürchten, dass das Chaos ausbrechen würde, wenn sie ihren Schülerinnen und Schülern mehr Eigenheit und Gestaltungsraum geben würden. Sie sind im Dilemma zwischen dem, was sie tun und was erwartet wird und dem, was für die Lebendigkeit und Lernfreude der Kinder und Jugendlichen zuträglich wäre.

 

Dann gibt es rund 30 % Lehrpersonen der Gruppe C, die nie hätten Lehrpersonen werden dürfen, weil ihnen die Lebendigkeit und die Liebesfähigkeit zum jungen Menschen, der ihnen anvertraut wurde, fehlt. Keiner von ihnen würde dem zustimmen, ganz einfach, weil sie bedauernswerterweise das Sensorium dafür verloren haben, die Lebensfreude und Lebendigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler wahrnehmen zu können. Ihnen fehlt die Leichtigkeit des Moments, der Humor und der Sinn für das Leben, das tiefe Wissen, dass Lebendigkeit nicht plan- und kontrollierbar ist und die Dehmut, dass da menschliche Wesen vor ihnen sind, die sie weder zu beherrschen, zu manipulieren, zu bestrafen oder für Dingen zu nötigen haben, zu denen diese kein Einverständnis gegeben haben. Sie sind zu Funktionären der Lehrpläne, der Lernziele, Prüfungen und Selektion geworden, zu Ausführenden äusserer Erwartungen ohne Zugang menschlicher Empfindsamkeit. Ihre zwanghafte Absicht ist es, aus lebendigen Kindern genauso funktionierende Maschinen zu machen, wie sie es sind.

 

Seit der Gründung der Volksschule vor mehr als hundertfünfzig Jahren beherrschen die Gruppen B und C, wie Schule umgesetzt wird. Ebenso lange kämpft Gruppe A um Anerkennung und zeigt mit Inbrunst auf, wie es denn anders gehen könnte. Seit nunmehr sicher zwei Jahrzehnten kommen mit all den in dieser Zeit entstandenen digitalen Medien, insbesondere dem Internet, Unsummen von Methodensammlungen, Filmen, Bestpractice-Beispielen, Initiativen, Gruppierungen, Schulpreisgewinner-Schulen und so weiter zusammen, die Gruppe B und C überzeugen will, dass es kindgerechter und menschlicher gehen könnte.

 

Was wir festhalten können ist, dass es nicht noch mehr von all dem braucht, was aufzeigen könnte, dass es anders gehen könnte. Gruppe C will das nicht hören, versteht es nicht – ja tut es als der Leistungssicherung des öffentlichen Schulwesens abträglich ab. Mehr Werbung für Andersmachen bringt also nicht mehr Verständnis bei denjenigen, die nicht verstehen können!

 

Wenn also Schule in Richtung einer menschlicheren, kindgerechteren Schule entwickelt werden soll, gibt es aus meiner Sicht fünf Ansätze, die wirksam sein könnten:

  • Gruppe A muss gestärkt werden. Ihnen muss gezeigt werden, dass ihr Fühlen und ihre Intention einer lebensbejahenden und lernfreudigen kindlichen Entwicklung zuträglich ist. Lehrpersonen, Eltern und Schulleiter dieser Gesinnung müssen miteinander vernetzt werden, damit sie wissen, dass es noch andere Menschen im öffentlichen Schulsystem gibt, die gleich wie sie empfinden und es sich darum lohnt, weiter für eine menschlichere Schule dort zu bleiben. Die 5 bis 10% Lehrpersonen, die liebäugeln an Privatschulen zu wechseln, sollte klar gemacht werden, dass sie dort nur für 6% alle Kinder etwas tun können, an öffentlichen Schulen jedoch für 94%. Denen, die trotzdem gehen, sei mein aufrichtiges Verständnis zugesichert.
  • Gruppe B muss unterstützt werden, ihrem Empfinden für eine kindgerechtere Schule immer mehr zu vertrauen und Raum zu geben. Sie benötigen besonders viel Zuspruch, um mutig sich auf die Seite der Menschlichkeit zu stellen und etwas zu wagen. Sie sind das Zünglein an der Waage, das darüber entscheiden kann, wer in einem Schulteam die Mehrheit bildet. Zusammen machen die Lehrpersonen der Gruppen A und B 60 – 70% aller Mitarbeitenden einer Schule aus. Das würde Gruppe C enorm herausfordern. Die Gruppen B und C zusammen verfügen über rund 60% aller Personen an einer Schule. Das ist derzeit wohl die bestimmende Standardzusammensetzung an Schulen, weshalb sich relativ wenig in Richtung einer potenzialentfaltenden Schule bewegt und auch bewegen wird, solange dieses Verhältnis so bleibt. Wirkungsvolle Schulentwicklungsbestrebungen sollten darum auf die Verschiebung dieses Verhältnisses abzielen.
  • Gruppe C sollte aufgezeigt werden, welchen Schaden ihr Tun Kindern und Jugendlichen zufügt, in dem es die Freude am Lernen und Gestalten und deren Eigenheit zerstört. Sollte, weil das Aufzeigen in der Regel nicht viel bringt, weil jegliches Andersdenken und -fühlen an ihnen abprallt und bedrohlich ist, manchmal sogar blinde Aggression hervorruft. Es müsste deshalb die Aufgabe von Vorgesetzten sein, wirklich schädliche Lehrpersonen aus dem Verkehr zu ziehen oder es müssten Eltern unterstützt werden, die nicht länger zulassen, dass ihren Kindern die Lebendigkeit und Lebensfreude gestohlen wird.
  • Lehrpersonen aller Stufen arbeiten - nach eigener Aussage – so, wie sie es tun, weil es die darauf folgende Stufe erfordert: Im Kindergarten müssen die Kinder lernen stillzusitzen, weil das in der Schule dann gefordert sei. In der Unterstufe muss man den Kindern beibringen auch konzentriert an weniger lustvollen Dingen zu arbeiten, weil es das auf der Mittelstufe brauche. Dort setzt der Leistungsdruck noch einmal zu, weil auf der Sek I-Stufe selektioniert wird und nur die Besten es in die obersten Leistungsgruppen schaffen werden. Auf der Sek I- Stufe dann wird eine Unmenge - für die Betreffenden oft uninteressantes - Wissen in die Köpfe gepaukt, weil dies zu Qualifikationen führen soll, welche dann für eine Berufsausbildung gebraucht würden – so hört man. Jede Stufe begründet ihre, dem Lernen und Leben abträglichen Methoden, durch die Abnehmerstufen. Der vierte Ansatz ist deshalb rückwärts von oben nach unten gedacht. Mit dem Dritten Berufsbildungsweg ist eine Initiative am entstehen, bei der die Entdeckerfreude, Neugierde und Gestaltungslust im Zentrum der Beruf(ung)sfindung steht (www.dritterberufsbildungsweg.org). Betrieben, Vorgesetzen von Firmen in der freien Marktwirtschaft stehen die Anstellungsbedingungen nämlich frei, nach denen sie Mitarbeitende anstellen. Die Etablierung des dritten Berufsbildungsweges ist deshalb eine ungeheuer potente Möglichkeit rückwärts den Sek I- Schule mitzuteilen, dass nicht lustlos erworbene Qualifikationen für einen erfolgreichen Berufsbildungsweg wichtig sind, sondern Engagement, Gestaltungsfreude und Neugierde. Niemand aus all den benannten Schulstufen könnte je wieder begründen, weshalb Methoden dienlich sein sollen, die Kindern und Jugendlichen die Lebendigkeit, Lern- und Lebensfreude austreiben soll.
  • Schule kann ganz neu gedacht oder ganz abgeschafft werden. Das ist der Weg der Unschooler, der Homeschooler, der Privatschulen und anderen Ansätzen, die womöglich erst noch entstehen werden. Diese werden jedoch heute den 94% Kindern und Jugendlichen wenig helfen, die derzeit die öffentlichen Schulen besuchen. Vielleicht sind sie Wegbereiter für eine Bildung, die noch gar nie so dagewesen ist. Nachdenklich stimmt mich, wenn ich weiss, dass es seit 300 Jahren schon die Gruppe A gibt, welche Schule kindgerechter gestalten möchte und Gruppe C, die zusammen mit Gruppe B alles beim Alten hält.

 

In diesem kurzen Text gänzlich unerwähnt sind die zunehmend diametral entgegengesetzen Vorstellung von Eltern, wie Erziehung zu erfolgen hat und was ihre Kinder von der Schule brauchen. Weiter, welches die Auswirkungen der exzessive Dauerkonsum neuer Medien ab Kleinkindalter für die Beziehungs-, Empathie- und Bildungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen an unseren Schulen hat.

 

Was bedeuten diese Ausführungen für Schulen der Zukunft:

Schulen der Zukunft steht für einen Kulturwandel an öffentlichen Schulen. SdZ hat nichts gegen Homeschooler, Privatschulen oder Unschooler. Ganz im Gegenteil: In aller Regel verbindet uns eine gleiche menschlichen Haltung Kindern gegenüber. SdZ beabsichtigt aber etwas für die 94 % alle Kinder und Jugendlichen an öffentlichen Schulen zu tun. Dies möchte SdZ durch eine Vernetzung aller Menschen der Gruppe A an Schulen erreichen, um sie zu bekräftigen, ihren Weg weiter zu gehen. Sie versucht Vertretern der Gruppe B durch Veranstaltungen und das Zeigen von Beispielen, wie Schule menschlich gestaltet werden kann Mut zuzusprechen, ihrem Sinn für mehr Menschlichkeit zu folgen. SdZ beabsichtigt aber auch aufzuzeigen, was einer gesunden kindlichen Entwicklung, freudvollem Lernen und Leben schaden kann und Lehrpersonen, die dafür verantwortlich sind herauszufordern, ihrer Praxis zu überdenken, zu ändern oder aber eine andere berufliche Tätigkeit zu finden, bei der sie Kindern nicht mehr schaden können.

 

Was bedeuten diese Ausführungen für mich persönlich:

Nach 30 Jahren Schulentwicklung und 6 Jahren Aufbau und Leitung von Schulen der Zukunft geben ich diese Bemühung in die Hände von Menschen, die meine loyalen Mitstreiter in den vergangenen Jahren waren und denen ich mich sehr verbunden fühle.

Ich möchte mich in Zukunft beruflich hauptsächlich um fünf Dinge kümmern, die ich in der Reihenfolge ihrer momentanen Bedeutsamkeit aufführe:

  1. Mich interessiert, wie Menschen so andersartig werden konnten, wie sie sind und dann vor allem, wie es gelingen könnte, dass sie ihre Andersartigkeit als Bereicherung, statt als Konkurrenz erleben damit co-kreative Gestaltungsprozesse gelingen können. Die beschriebenen Gruppen A, B und C an Schulen sind nur ein Beispiel, welche dieses Erfordernis deutlich macht. Im Kleinen der Paarbeziehungen und Familien, wie im Grossen der Religionskriege oder unterschiedlichen Wirtschaftsinteressen ist das Unvermögen Andersartigkeit als Bereicherung gestalten und erleben zu können das zentrale gemeinsame Übel, das Leid, Trauer, Zerstörung und Einsamkeit mit sich bringt. Darüber habe ich ein Buch geschrieben, das Ende dieses / Anfang folgendes Jahr im arbor-Verlag erscheinen wird. Diesen Themen möchte ich mich in Zukunft sehr intensiv und über die Grenzen der Schule hinaus widmen.
  2. Ich möchte Schulteams weiterhin durch den Prozess einer sinn- und werteorientierten Schulentwicklung begleiten. Dieser Prozess klärt, was die innersten Sehnsüchte und Antreiber in der Arbeit an einer Schule sind. Diese Klärung führt in der Regel dazu, dass die Schule als Ganzes Stellung beziehen wird, ob für sie die Ausrichtung A oder C in Zukunft massgebend sein wird. Dieser Klärung ist derzeit die powervollste Arbeit, damit eine Schule in Bewegung kommt, die ich kenne. Sehr gerne bin ich im Rahmen von Schulen der Zukunft für diese Arbeit weiterhin tätig.
  3. Kompetenzorientiertes Lernen und Lehren an Schulen zu bringen ist das, womit ich seit Jahren meinen Lebensunterhalt verdiene. Kompetenz ist derzeit ein Trendbegriff. Dies dient mir aber dazu, kompetenzorientiertes Lernen als das zu vermitteln, was es eigentlich sein sollte: Eine überaus kindgerechte Art des Lernens, in dem Kinder und Jugendliche eingeladen sind, selber und mit anderen zusammen Ideen auszudenken, umzusetzen und sich über das Gelingen zu freuen und aus dem Scheitern zu lernen. Es ist ein «gemeinsames Spielen mit Möglichkeiten», was mein Verständnis von Potenzialentfaltung am besten ausdrückt. Zudem ist diese Lernform auch noch in hohem Masse wirtschaftsfreundlich, denn Schülerinnen und Schüler werden zu Unternehmern und Gestaltern ihres Lernens und Lebens.
  4. Im Jahr 2019 möchte ich in den Aufbau des Dritten Berufsbildungsweg anstossen. Ich sehe in ihm ein enorm wirkungsvolles Projekt, das eine powervolle Auswirkung auf die Volksschule haben kann. Ich bin mir auch im Klaren, dass dieses Vorhaben ambitioniert ist, Zeit und Kraft braucht. Das werde ich nicht alleine tun können, weshalb ich in den kommenden Monaten am tatkräftige und engagierte Mitgestalter suchen bin. Wenn es gelingt, ein schlagfertiges Team zusammenzustellen, dann wird der Dritte Berufsbildungsweg hoffentlich genauso schlagfertig, um die Berufsbildung und dann die Sek -Stufe und dann die Grundstufe aufzumischen.
  5. Die Initiative Schulen der Zukunft ist für mich wie ein weiteres Kind, dem ich verbunden sein werde, solange es existiert. Gemeinsam mit Gerald Hüther, mit dem ich SdZ von sechs Jahren gegründet habe, werde ich SdZ im Rahmen eines Patronats auch weiterhin mit Herzblut, Rat und Tat beistehen.

Galgenen, 22. März 2018

Daniel Hunziker

 

Kontakt: daniel.hunziker@bildungsreich.org